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Die böse Tribüne

(Web-)Logbuch Eintrag Nummer So-und-so. 05. April 2011 auf der Reise des FC Sankt Pauli gen Zweitklassigkeit. Hinter uns liegt ein turbulentes Wochenende respektive ein turbulenter Spieltag für unseren Verein inklusive der darauf folgenden Tage. Es stand am Freitagabend das Heimspiel gegen Schalke an, die just in diesem Moment Inter Mailand in der Championsleague demontiert haben und damit in das Halbfinale eingezogen sind, gleichzeitig in der Bundesliga aber nach Magathschem Misserfolg bis zu diesem Spieltag immer noch gegen den Abstieg spielten, wenngleich ihre Situation mittlerweile, nun da das Spiel heute am grünen Tisch mit 2:0 für Schalke gewertet wurde, durchaus als “komfortabel” zu bezeichnen ist, haben sie doch nun immerhin 36 Punkte. Wir hingegen stehen weiter bei 28 Punkten und angesichts der wie auch immer gearteten Ausfälle unserer Spieler, werden die Chancen, dass da noch etwas hinzu kommt auch eher kleiner, denn größer.

Die Liste spielberechtigter oder -fähiger Spieler ist ja inzwischen (zumindest gefühlt (ist das so??)) kürzer als die derer die eben nicht spielberechtigt oder -fähig sind. 2 Leute auf die Ersatzbank oder was machen wir in Zukunft? Naja wird schon irgendwie zu Ende zu bringen sein, und wer weiß was noch so geht, eventuell irre ich ja und wir stehen am Ende über dem Strich.

Doch kommen wir zu dem, was die meisten wohl eher als das Elementare dieses Abends betrachten. Ich habe mich ja bekanntermaßen schon mit der recht großen Wahrscheinlichkeit des Abstiegs zwar nicht vollends abgefunden, aber sie zumindest als realistisch einzustufen zur Kenntnis genommen. Ich weiß nicht genau woran das liegt aber das ganze Spiel über lag ein Knistern in der Luft, auch wenn es ganz sicher vielen so ging, wie mir, hinsichtlich des drohenden Abstiegs. Es scheint eine Art Trotzreaktion zu sein, der wir Sankt Pauli Fans in solchen Situationen hingeben. Die Gegengerade war beim Heimspiel gegen Schalke 04 mal wieder richtig laut, wurde dann wieder leiser. Keinen Schimmer, ob da einige Leute einfach einen Hauch zu pessimistisch sind und Spiele zu schnell verloren geben, den Glauben und die Hoffnung vermissen lassen. Vielleicht geben auch die Stimmbänder altersbedingt irgendwie schneller die Funktion auf, ich weiß es nicht. Die Südkurve hat auch das komplette Spiel über einen sehr zufrieden stellenden Support abgeliefert. Fand ich echt fett. So muss das sein. Mehr geht ja immer, aber das war eine solide Basis, darauf können wir gerne aufbauen. Ach und ich liebe Fahnenchaos auf der Süd. Das sieht so unfassbar geil aus. Selbst die Haupttribüne sollte sich bei diesem Spiel als eine Tribüne in einem Fußballstadion, wo ja Zuschauer und Spieler bestenfalls irgendwie interagieren, rein emotional zumindest, darstellen. Begonnen mit einer wunderbaren Choreo und abgeschlossen mit einem von eben dieser Haupttribüne herbeigeführten Spielabbruch. Nicht vergessen, darf man natürlich auch den Anteil der Anstoßzeit an dieser Atmosphäre, ist es doch nicht gänzlich unverständlich Freitag Abend um halb 9 nach einer anstrengenden und nervigen Arbeitswoche, schon das eine oder andere alkoholhaltige Getränk genossen zu haben.

Das Spiel selber, zeigte, dass man auf Seiten unseres Teams durchaus noch nicht gänzlich die nötige Kampfbereitschaft aufgegeben hat, aber auch, dass weiterhin die nötige Cleverness fehlt in den kleinen aber letzten Endes eben oftmals spielentscheidenden Situationen. Das 0:1 hat auch konsequenterweise lediglich meine nüchterne Erwartungshaltung bestätigt, doch das 0:2 tat weh. Gerade nach dem zuvor kurzen gefeierten Jubel beim vermeintlichen Ausgleichstreffer fühlte sich dieses Tor an wie die goldene Ätschi-Bätsch Arschkarte vom Fußballgott himself. Was hat der eigentlich für ein scheiß Problem mit uns? Das geht doch nicht mir rechten Dingen zu, dass die Zahl der Scheiße die passiert in keinem Verhältnis mehr steht zu der Zahl der guten Dinge. Und wenn dieses Gefühl eintritt und sich ein Schiedsrichter derart unglücklich präsentiert (um nicht zu sagen “uns verpfeift”), dann kocht die ohnehin knisternde und alkoholisch zusätzlich aufgeladene Stimmung zwischen Angst, Wut, Verzweiflung und Nicht-glauben-wollens, über und dann wird gepfiffen, gepöbelt, geschrieen, gesprungen, gegen den Zaun getreten, Haare gerauft und es werden Dinge geworfen. Was man eben gerade zur Hand hat, in den gängigsten Fällen sind das dann eben Bierbecher.

Ich liebe diese Stimmung. Diese Stimmung fühlt sich lebendig an, diese Stimmung ist aufgeladen, elektrifiziert. Diese Stimmung birgt so viele Emotionen. Diese Stimmung ist echt, ist Fußball, ist Leiden und Leidenschaft. Ich stehe drauf. Es sieht auch schon irgendwie ganz interessant aus, wenn die Becher auf das Spielfeld prasseln, das Bier wütend aus den sich drehenden Plastikgefäßen spritzt und auf die aufgebrachte Menge prasst. Es ist ein merkwürdiges Gefühl eine Ladung Gerstensaft in den Nacken zu bekommen, wohlwissend normalerweise würde man sich jetzt unendlich aufregen, doch weil die Prioritäten gerade anders gesetzt sind, die Wut anderweitig fokussiert ist, schert man sich nicht so sehr um das Parfum der Berber und pöbelt nur noch lauter. Die Wut auf den Becherwurf wird kanalisiert, mit den restlichen Emotionen verflochten gen Spielfeld geschleudert.

Und trotzdem wäre diese Stimmung nicht so viel schlechter, würden die Würfe von was auch immer einfach unterbleiben. Ich kann gut und gerne auf jeden fliegenden Gegenstand von egal welcher Tribüne, aus egal welcher Emotion oder Laune heraus verzichten. Es ist dieses beschissene Gewerfe von Dingen, die zur Folge haben, dass mir im Stadion ein beschissenes Netz ins Blickfeld gehängt wird und es würde mich nicht wundern, wenn auch die Leute auf den beiden längeren Tribünen in diesen zweifelhaften Genuss kommen werden. Darauf, werte Leserschaft, habe ich aber keinen Bock! Auf keines dieser Netze! Wenn ich Fußball in ’nem Käfig sehen will, dann setze ich mich auf meinen Balkon und beobachte die Kids aus der Nachbarschaft auf ihrem komplett umgitterten Bolzplatz beim Kicken.

Die Fanszene hat in der Vergangenheit mehrfach versucht hinzuwirken, diese Kausalität ins kollektive Gedächtnis der Stadionbesucher zu rufen. Immer in Abstimmung mit dem Verein, der das zwar inhaltlich unterstützt hat, aber mehr eben nicht. Andererseits ist der Verein aus wirtschaftlichen Interessen offenbar an einer gewissen Quote an Eventfans / Konsumenten nicht uninteressiert und vermarktet darüber hinaus ein gewisses Image. Warum auch immer, fliegende Becher gehören für eine nicht unerhebliche Anzahl an Menschen ganz offensichtlich zum Millerntor. Dass ein Eventfan, das Event, wie er es sich vorstellt, nicht nur beobachten möchte, sondern sich ein gewisses Maß der Teilhabe wünscht, ist zum Einen nicht verwunderlich zum Anderen aber ja auch völlig wünschenswert. Nur die Art dieser Teilhabe sollte nicht darin bestehen sich asozial zu verhalten, sondern eben mitzumachen beim Support. Die Verantwortung dafür kann aber nicht bei der aktiven Fanszene liegen, die ohenhin schon weit über die normalen Maße hinaus hinsichtlich solcher Punkte Engagement zeigt. Es müssen vielmehr eben auch die Ordner im Stadion darauf achten, dass eben nicht geworfen wird, die zeigen aber bisher eher großes Desinteresse Becherwerfer in irgendeiner Weise auch nur auf ihr Fehlverhalten aufmerksam zu machen. Vom Rausschmiss Unbelehrbarer ist hier noch nicht einmal die Rede.

Es flogen schon lange, um nicht zu sagen, schon immer, Dinge am Millerntor auf das Spielfeld, da braucht man nur Uli Hoeneß fragen, was ihm zum Thema Münzregen am Millerntor einfällt. Es besteht natürlich einerseits ein qualitativer Unterschied, ob man aus antikommerzieller Motivation einen mehr oder weniger symbolträchtigen Geldregen inszeniert oder zum eigenen Amüsement mit Gegenständen wirft. Andererseits besteht auch ein quantitativer Unterschied, denn solche Aktionen waren eher die Ausnahme, während heuer bei jedem Spiel Dinge von irgendwo irgendwohin fliegen. Ich persönlich und auch viele Menschen aus meinem Bekanntenkreis haben schon Bierbecher, auch volle, an den Hinterkopf geworfen bekommen, die Südsitzer sind da nicht gerade zimperlich, dafür offenbar um so befreiter von Hirn. Nun hat es eben mal eine für das Spiel relevante Person getroffen, was in keiner Form zu begrüßen ist, ganz gleich wie schlecht die Leistung des Schirigespanns subjektiv oder objektiv auch sein mag.
Der große Aufschrei der jetzt aber durch Blätterwald und Datengewirr geht, ist gänzlich überzogen und völlig unsachlich. Die Gefahr, dass bei einem Wurf jemand zu schaden kommen kann ist immer gegeben und die Tatsache, dass Gegenstände auf das Spielfeld fliegen ist auch kein Geheimnis gewesen. Kritik daran üben konnte man also die ganze Zeit, was ja auch teilweise geschehen ist, nur ernst nehmen wollte das offenbar kaum jemand. Nichts desto trotz ist der Becherwerfer, der jetzt Hausbesuche von Boulevardmedien bekommt, kein schlimmerer Becherwerfer als alle anderen, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass er das mit Absicht getan hat und wenn doch, alle gen Schiri fliegenden Becher aus der Ecke Süd / Gegengerade in der Vergangenheit hatten auch das Ziel zu treffen. Es ist eben nicht zu entschuldigen, nur ist es auch nicht schlimmer als andere Würfe. Nur wo kein Opfer, da kein Kläger, da kein Richter.

Das Strafmaß für den Verein soll morgen (heute – aber morgen ist ja erst nach dem Schlafen) bekannt gegeben werden. Ob das Geldstrafe, Platzsperre, Geisterspiel, Leere Haupttribüne wird, davon lasse ich mich überraschen. An irgendwelchen Spekulationen dahingehend möchte ich mich nicht beteiligen. Ganz egal was das wird, die größte Hoffnung die ich habe, ist das vielleicht mal ein paar Leute mehr das Denken anfangen. Am schönsten wäre es natürlich, wenn all die Arschkrampen in unserem Stadion einfach gar nicht da wären. Jaja ich weiß, aber man wird jawohl noch mal träumen dürfen.

Zum Abschluss noch ein paar Links:

-Schöner Spielbericht inklusive Becherwurf beim Übersteiger Blog
Sehr gelungender Bericht beim Magischen FC
-Beim kleinen Tod gibt es einen Spielbericht und noch etwas zur Presse-Häme
-Jekyllas Sichtweise auf das Heimspiel
-Und ein paar Thesen auf dem Blog “Es Lebe das Laster