Derbyfieber

Ja die Stadt in der wir leben steht mal wieder total Kopf, denn es ist Derbyzeit. Nun um ehrlich zu sein, gab es für mich statt Derbyfieber erst ein Mal derbe Fieber. Ziemlich unschön aber wenigstens hat man Zeit nen Blog aufzusetzen.Lassen wir doch die letzten Wochen einmal Revue passieren. Naja eigentlich möchte ich nur diese Woche Revue passieren lassen und somit gibt’s für die anderen paar Wöchlein seit Weihnachten einen ganz flinken Schnelldurchlauf. Dank der Sozialromantikerinitiative konnte man sich Weihnachten statt mit möglichen Familienstreitigkeiten darüber freuen, dass bei Sankt Pauli mal wieder ein bisschen Dampf in die Bude kam und so wurde kurzerhand über das stpauli-forum.de ein Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung, die beim FCSP Einzug findet, gebildet. Ein Protest, der seines Gleichen gesucht hat. Ein Protest der ganz vielschichtig von der Fanschar des FCSP getragen wurde und mit dem Jolly Rouge ein Symbol gefunden hat, dass ob ihrer Signalfarbe kaum zu übersehen ist, erst recht nicht, wenn geschätzte 15.000 Menschen dieses Symbol auf Pappen, Fahnen, Doppelhaltern, Tapeten, Schals, Mützen, Tshirts, Pullis, Jacken, usw. ins Millerntor tragen. Das ergab beim Freiburgspiel ein unfassbar beeindruckendes Bild und für mich ganz viel “Pippi inne Äuglein drinne”.

Beim in der darauffolgenden Woche angesetzten turnusmäßigen Treffen des ständigen Fanausschuss mit Vertretern des Präsidiums, dieses Mal ergänzt um Vertreter des Marketing und des Aufsichtsrates, musste das Thema dann auf die Tagesordnung. Nachdem Vize Stenger vor dem Spiel noch in einer Mitteilung an die Fans, um es mal freundlich zu sagen, den Ton nicht ganz getroffen hat, wurden nach diesem Treffen seitens Präsident Stefan Orth, der sich übrigens zum ersten Mal seit seiner Wahl öffentlich wahrnehmbar präsentierte, weitaus versöhnlichere Töne angeschlagen. Das war sehr erfreulich doch ist die Vereinsführung weiterhin Taten schuldig geblieben, was dann beim Heimspiel gegen Köln auch wieder in Form schwarzer Skull & Bones auf rotem Grund, sowie Transparenten und Tapeten deutlich gemacht wurde. Nachdem nun diese Woche die Firma Flyeralarm eine Ausweitung ihres Marketingengagements beim FCSP angekündigt hat, ist also auch gegen Gladbach nicht mit einem Ende der Proteste zu rechnen. Warum auch?! Ein paar Worte noch kurz zu dieser Flyeralarm-Kiste, bevor wir uns dem originären Thema dieses Beitrages, dem Derbyfieber, widmen:

In der Pressemitteilung des Vereines, nachzulesen auf dem Blog von Kiezkicker, heißt es

Neben der 100 Meter langen TV-relevanten Bande und dem Mittelkreisaufleger  im Millerntor-Stadion (vor dem Spiel und in der Halbzeitpause) sind in Kooperation mit flyeralarm zukünftige Aktionen wie bspw. die Einführung einer Fancard (Fans erhalten damit Vergünstigungen bei Druckaufträgen) und ein Kreativ-Wettbewerb für Spielankündigungsplakate geplant.

Die Bande ist eine der vorhandenen Drehbanden und somit keine neue Werbefläche. Der Mittelkreisaufleger ist ein Phänomen, welches schon zu Pokerroomzeiten am Millerntor Einzug gehalten hat, was allerdings nicht den erneuten Einsatz legitimiert. Ich empfinde die Dinge im Stadion stehend, als nicht sonderlich störend, da ich gerade in der Halbzeitpause eher in Gespräche oder das Lesen von Fanzines und Flugblättern vertieft bin. Ich musste zu Pokerroomzeiten aber auch 1-2 Spiele im TV anschauen, und da machen diese runden Gummi-Teppiche auf dem heiligen Rasen so unfassbar viel kaputt. Es entsteht dieses unsägliche American Football Flair, es unterstreicht einfach den Event-Charakter des ganzen.
Versteht mich nicht falsch ich könnte damit durchaus leben, aber dafür müssten andere Sachen erstmal weg sein. Somit ist im Moment der Gummi-Teppich ein weiterer Tropfen für das viel bemühte überlaufende Fass.
Was diese Fancard angeht, so ist das eine Rabatt-Aktion wie es sie von vielen Sponsoren gibt, bis auf dass der Name dämlich ist, kann ich daran erst ein Mal nichts aussetzen. Schon eher etwas aussetzen kann ich am Kreativwettbewerb. Sicher, sicher! Ganz tolle Idee – kann ich ja auch ein tolles Design anfertigen. Ich erinnere mich noch an den letzten tollen Kreativwettbewerb für irgendwelche “young graphic design suckers”, wo der Großteil der Einsendungen einfach nur Schrott war, vom Gewinner mal ganz zu schweigen. Ich habe da einfach ein sehr schlechtes Gefühl bei und darüber hinaus noch zwei Dinge. Zum Einen, seit wann brauchen wir wieder solche Plakate? Gerade in Zeiten von Web 2.0 und so? Und zum Zweiten, wenn wir solche Plakate brauchen, dann fragt doch die Fanszene, da gibt’s viele Kreative, und einige würden vielleicht gerne mal so ein Plakat designen – aber wer hat denn da im Zuge eines Wettbewerbs Bock drauf? Leben wir in ’ner Leistungsgesellschaft oder was?!
So aber das sind ja nur die oberflächlichen Mängel. Der versteckte Mangel, ist die Firma Flyeralarm selbst. Flyeralarm ist um das kurz und bündig zu machen die böse große Druckerkette. Dumpingpreise, Dumpinglöhne, Betriebsrat unterdrücken/verweigern und drucken wohl auch noch jeden Scheiß, hauptsache bringt Kohle, so habe ich über Facebook aus RSL-Kreisen erfahren, dass man dort entschieden hat von Drucken bei Flyeralarm abzusehen, weil dort u.a. auch die NPD drucken lässt. Ihgittipfui! Aber passt supi zum FC Pauli. Ja nee is klar. Weg mit denen aber schnell.
Mich würde ja echt einmal interessieren wie leicht oder schwer es für den FCSP ist Sponsoren zu bekommen. So schlecht dürfte der FCSP als Erstligaclub mit dem Alleinstellungsmerkmal des Punkrockvereines gar nicht dastehen. Also warum nicht mal die sich anbietenden Sponsoren prüfen. Bei Flyeralarm hätte das googlen von “flyeralarm vorwürfe” gereicht, um zumindest auf die Geschichte mit dem Betriebsrat zu stoßen.  Bei der JHV noch TNT berechtigterweise “genextet”, jetzt gibt’s Dates mit der guten alten Briefmarke, und nun wieder solch Leute. Und ähm wie sieht das eigentlich mit nem Betriebsrat beim FCSP und seinen Gesellschaften aus? Wer da was weiß, schreibe mir eine e-mail oder einen Kommentar.

Und jetzt kommen wir endlich zu dieser schönen Derbywoche. Ich habe das alles genauestens Beobachtet durch meinen Laptop und kann nun also zusammentragen. Derbyfieber fing für ALLE am Sonntag an, außer mich. Während sich Sonntag nach dem Heimspiel gegen Köln vermehrt Anzeigebilder bei Facebook in die gute alte Klorolle oder das bekannte Schweinchen verwandelten, stellte ich verwundert fest: Huch ist ja bald Derby. Irgendwie hat mich dieser ganze Protest und diese ganzen Fettnäpfchen die das Präsidium und die Vermarktung im Zuge dessen mitgenommen haben, so gefesselt, dass ich tatsächlich bis zum Kölnspiel nicht ans Derby gedacht habe. Und das ging ganz offensichtlich einigen so, das ist jedenfalls mein persönlicher Eindruck und somit haben wir schonmal einen großen Unterschied zum Hinspiel aufgetan. Vor einem halben Jahr nämlich (eigentlich eher 5 Monate), habe ich schon Wochen vorher an nichts anderes Gedacht, alles hat auf den großen Tag hingearbeitet. Nun, dass es diesmal anders war, stört mich jetzt aber auch nicht außerordentlich.

Überhaupt keinen Unterschied, sondern erschreckende Parallelität, zeigt die Rolle der Medien. Nachdem Frank Rost, seines Zeichens Torhüter bei den Vorstadtfurunkeln, nach dem Hinspiel den Mangel an nötiger Aggressivität und den Kuschelkurs kritisiert hat, haben die Zeitungen damals zwar wahrgenommen, doch wirklich beherzigt wird das nicht. Scheiße es wird überhaupt nicht beherzigt, die fahren die Kuschelscheiße genauso weiter, wie beim Hinspiel.

Das Stumpfe “Mehr Hass!” aus Rautenkreisen muss ja nicht das Mittel der Wahl und schon gar nicht der Wahrheit letzter Schluss sein, aber wir reden hier immerhin von einem Derby. Von einem Spiel, zwischen zwei Vereinen die in Konkurenz zueinander stehen und das in mehrerlei Hinsicht. Das unterscheidet dieses Spiel von anderen Ligaspielen und deshalb möchte ich dass dem auch mittels angemessener Stimmung und dem entsprechender Vorberichterstattung Sorge getragen wird.

Angeblich haben ja beide Vereine dieses Mal überlegt mehr Derbystimmung zu provozieren, aber sich offensichtlich anders entschieden, was ich sehr schade finde. So machen Stani und Veh sich öffentlich Gedanken über die Kleiderwahl, Asamoah und sein Ex-Schalke-Buddy Westermann machen eine Wette über den Derbysieg aus, bei der der Einsatz ein “Sexy Car-Wash” des Wettverlierers ist und Helmut Schulte sagt dem Uli Pringel im Beisein vom Basti Reinhardt, dass der Basti das alles ganz toll macht, wo es ihm doch so schwer gemacht wird. Ja wo Sammer denn da?! Und was sagt der Basti zum Derby? In einem Mopo-Interview sagt er, er freue sich auf eine Derby-Demütigung durch Sankt Pauli. Da sägt wer an seinem ohnehin wackeligen Stuhl 😉

Ja der Reinhard bleibt erst Mal Sportchef beim Vorstadtclub, der Matthias Sammer hat abgesagt. Unabhängig davon, dass die Absage eine von vielen in der schier unendlichen Geschichte, der Suche nach einem Sportchef am Stadtrand ist, ist es doch durchaus dreist, während ich einen Sportchef, nämlich Reinhardt, habe mit einem möglichen Ersatz für diesen Sportchef zu suchen, und nach dessen Absage dem amtierenden Sportchef zu sagen “Na gut, dann bleibst’e halt.”
Ich würd mir da ja leicht verarscht vorkommen. Genauso wie wenn das FAX-Gerät kaputt ist, und ich deshalb den Kader nicht verschlankt bekomme. Dumm Gelaufen, der Maxim, der ja auch einst in Braun-Weiß auflief, bleibt dem H$V erhalten und den lustigen Jecken vom Dom verwehrt, zumindest für’s Erste. Einen schönen Kommentar zu der Thematik habe ich hier gefunden.

Gar nicht wackelig auf den Beinen war Elefantendame Mogli, die schnurstracks auf die Honigmelone zu trampelte und selbige verspeiste. Guten Appetit. Experten für Sport, Fußball und Elefantenflüsterei und ein Abendblatt-Reporter, der eigentlich HSV ist, möchten daraus erkannt haben, dass Sankt Pauli das Derby gewinnt. Klingt logisch wenn ihr mich fragt und jetzt wo die Krake Paul tot ist und lustige Tierorakel uns bei der WM schon so viel Spaß gemacht haben, ist eine Melonen mampfende Dickhaut doch genau das richtige Nachfolgemodell.

Mogli das Derby-Orakel

Weitaus weniger logisch ist die Behauptung, Sankt Pauli Fans hätten “Rauchbomben” im Stadion an der MVA in Bahrenfeld platziert. Diese stellten einige Einzeller aus dem Rautenforum an, nur den Grund Blau-Weißen Rauch als Sankt Paulianer in der Wieauchimmer-Arena zu verstecken, kann oder will ich nicht erkennen. Die, mit Bauschaum an Sitzen fixierten, gefährlichen Sprengmittel wurden Donnerstag, vom Kampfmittelräumdienst, der von unsicheren oder überforderten Bullen angefordert wurde, mit Druckluft (laut Abendblatt) oder einem gezielten Wasserstrahl (laut Mopo) entfernt. Hurra! Aber die Jungs und Mädels vom Kampfmittelräumdienst sollten kein vorzeitiges Wochenende bekommen, denn der Müll, den sie nicht wegmachten, versetzte die Mitarbeiter_innen der Ex-AOL-Arena in Angst und Schrecken, es könnte noch mehr Bomben geben und so mussten sie am Freitag ein weiteres Mal anrücken. Shit Happens.

Etwas Humor scheinen die Damen und Herren am Stadtrand dann aber doch noch zu haben. Nachdem sich im stpauli-forum lange über das Mitnahmeverbot von Leitern in der Stadionordnung der MVArena amüsiert wurde erhielt ein User auf seine Anfrage, ob seine Leiter denn irgendwo Zwischengelagert werden könne, folgende Antwort:

Sehr geehrter Herr XXX,

danke für Ihre Anfrage, auf die wir gerne eingehen möchten.

Natürlich ist uns nicht entgangen, dass das Thema „Mitnahme von Leitern“ die Fans des FC St. Pauli offenbar zu bewegen scheint. Um ehrlich zu sein, sind bisher zum heutigen Tage noch keine vergleichbaren Anfragen bei uns eingegangen. Somit können wir Ihnen leider nicht mitteilen, ob und wo Sie eine Leiter verwahren können.

Ihrer E-Mail Mail entnehme ich, dass Sie offenbar des Öfteren Leitern mit sich führen. Daher sind wir für Hinweise, wo Sie diese bei Heimspielen des FC St. Pauli oder anderen Auswärtsspielen abgeben natürlich dankbar.

Mit freundlichen Grüßen

Herrlich verrückt, möchte man da beinahe sagen. Nunja das soll’s für’s erste gewesen sein. Ich beende diesen Eintrag mit dem schwelgen in Zeiten, in denen ich nicht ein Mal geplant war – egal vielleicht gibt’s ja Sonntag für mich eine Wiederholung davon:

Derbysieg 1977