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Madiba und die Heuchler

Was kommen sie wieder aus ihren Löchern gekrochen, die Schmalspur-Politiker und Möchtegern-Wichtigen dieser Welt, um die Legende Mandelas zu fleddern. Mandela war schon zu Jugendzeiten mutig und progressiv, indem er gegen Stammestraditionen rebellierte. Später wurde er zu einem Revolutionär, der bereit war, seine eigene Freiheit, Gesundheit und Leben einzusetzen. Die „Exzellenz“ der herrschenden Politikergeneration besteht hingegen in grenzenloser Anpassung und skrupellosem Opportunismus. Die meisten der Merkels und Bushs hätten ihn vor 25 Jahren genauso als Terroristen bezeichnet und seinen Kampf verteufelt, wie es damals Thatcher, Reagan und Franz Josef Strauß taten. Ihr Kerninteresse ist die Staats- und Systemtreue, die Räson geht ihnen vor Gerechtigkeit und Menschenwürde.

So lange er eine Bedrohung für existierende Machtstrukturen darstellte – egal, wie unmenschlich diese in der Realität waren – wollten ihn diese Politiker lieber am Galgen, als in Freiheit sehen.

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Das Plakat wurde von in den 80ern von den Torys in England verbreitet. Ein David Cameron betrieb noch Anfang der 90er Jahre Lobbyismus gegen die Sanktionen gegen Südafrika.

Mandela war ein Mensch und als solcher komplex und sicherlich auch voller Fehler und trotz der enormen Verdienste ganz bestimmt nicht der Heilige, zu dem er von vielen aus Eigennutz gemacht wird. Sein Handeln erscheint als eine wirkungsvolle Mischung aus Idealismus und Pragmatismus. Ohne seine pragmatischen Ansätze wäre sein Idealismus verpufft, ohne seine Ideale hätte sein Pragmatismus für nicht mehr als eine bessere Anpassung an die Unterdrückung gereicht. Diese Eigenschaften machten ihn politisch zu einem Anhänger kommunistischer Ideen und im Kampf zu einem Terroristen.

Viele – u.a. Merkel – beschwören seine Gewaltlosigkeit. Ihr Grund dafür ist u.a. die Entwertung jeglichen gewalttätigen Widerstands gegen vom Staat ausgehende Gewalt. Das ist für die Inhaber etablierter Machtstrukturen natürlich sehr bequem, denn ohne die zumindest implizite Gefahr gewalttätigen Widerstands lassen sich Protestbewegungen sehr gut aussitzen.

Mandela muss das bewusst gewesen sein. Der ursprünglich gewaltlose Widerstand war geprägt von den Erfahrungen der Zeit, insbesondere den Erfolgen Mahatma Gandhis in Indien. Gandhi ist dabei auch deshalb von besonderer Bedeutung, da er insgesamt 21 Jahre in Südafrika verbrachte, die ihn stark prägten. Er lernte die Politik der Rassentrennung persönlich kennen und bekämpfte die Herabsetzung von Indern. Doch ähnlich wie später Mandela war auch Gandhi mehr Pragmatiker als Pazifist. Seine Erfahrungen im Sanitätsdienst der britischen Armee brachten ihm die Erkenntnis, dass jeglicher militärischer Widerstand gegen die Militär-Maschinerie des Empire vergebens sein musste. Hieraus leitete sich seine Ideologie des gewaltlosen Widerstands ab, nicht aus einer rein moralischen Betrachtung.

Der ANC und Mandela folgten aus den gleichen Gründen zunächst den Konzepten Gandhis, stießen dann aber auf Grenzen. Auf friedliche Proteste und zivilen Ungehorsam reagierte der Staat mit Gewalt und schließlich Massakern. Zudem wurden der ANC und andere Organisationen verboten und in den Untergrund gedrängt. Die Aufnahme des bewaffneten Kampfes war die genauso logische, wie gerechtfertigte Reaktion darauf. Folgerichtig hat sich Mandela auch nie davon distanziert, terroristische Methoden im Kampf gegen die Apartheit eingesetzt zu haben. Es war typisch für die westlichen Staaten, dass auf die weiter eskalierende Situation nicht mit der konsequenten Durchsetzung einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaftsform reagiert, sondern stattdessen der ANC zur Terrororganisation erklärt wurde. Ähnliche Muster finden sich in der Zeit des Kalten Krieges überall auf der Welt. Direkt vor unserer Haustür finden sich gleich zwei Konflikte, die auch heute noch nicht ganz aufgelöst sind: die Kämpfe um Selbstbestimmung und Freiheit im Baskenland und im Norden Irlands. Gerade im letzteren Fall ist die unterschiedliche Bewertung sehr „interessant“, unterstützte die IRA doch den Kampf Mandelas, während Mandela noch im Jahr 2000 der IRA davon abriet, die Waffen abzugeben.

Es war also nicht die Gewaltlosigkeit und eine überhöhte Moral im Kampf, die ihn zu etwas besonderem machten. Neben Sekundärtugenden wie Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft sticht ein Punkt hervor: der Verzicht auf Rache. Sich nach Jahrzehnten des Kampfes und im Moment des Triumpfes und der gottgleichen Überhöhung zurückzuhalten und auf Ausgleich statt Abrechnung, Pragmatismus auch in wirtschaftlichen Fragen statt Symbolpolitik zu setzen, verdient höchste Anerkennung und überragt die sicherlich zahlreichen Fehler, die in der Organisation des Umbruchs gemacht wurden. Die verschiedenen Formen des Widerstands gegen Unterdrückung bleiben dabei in ihrem ganzen Spektrum weiter nutzbar und keinesfalls entwertet, von friedlichem Protest über zivilen Ungehorsam bis zur Anwendung von Gewalt.

Veröffentlicht von

Tom Machir

Die Welt lag düster und kahl, doch dann war Tom “ganz plötzlich da”. Scheint so was wie seine Marotte zu sein, denn gebloggt hat er zuvor noch nie. Er ist jetzt einfach da. Als geborener Hamburger war, ist und bleibt die Stadt an Alster, Elbe und Bill seine Heimat, doch immer wieder zieht es ihn in die Welt hinaus. Schließlich zählt für ihn nicht die Herkunft, sondern das Sein, das Verstehen und die Propaganda der Tat. Und natürlich Fleisch, geistige Getränke und der magische FC. Motto: “I only drink on two occasions—when I’m thirsty and when I’m not”

  • http://Website Wombat

    Im Großen u Ganzen kann ich dem Statement beipflichten. Nur was die Geschichte der IRA angeht möchte ich doch erwähnen, dass diese mit den Nazis zusammenarbeitete u das stößt mir immer übel auf, wenn Leute die IRA so glorifizieren!

    • Tom Machir

      1. Glorifizieren sollte man sowieso so gut wie nix und niemanden, es gibt überall dunkle Seiten, die sonst schnell ausgeblendet werden. Ist hier auch nicht geschehen. Eine differenzierte Darstellung dieses Aspekts kann leider Bücher füllen.

      2. Eine relevante Zusammenarbeit der IRA mit den Nazis oder gar eine ideologische Unterstützung gab es nicht. Dass man sich mit dem ernstzunehmendsten Feind des Feindes austauscht und versucht, Vorteile aus einem Konflikt zu ziehen, sollte jedoch nicht verwundern. Auf der anderen Seite haben auch einige Angehörige der IRA im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republik gekämpft, siehe insbesondere Frank Ryan, der dann anschließend auch für die Beziehungen zu den Nazis wichtig wird.

      • http://Website Wombat

        Ich empfehle die Reportage Nazi Kollaborateure – Die IRA http://youtu.be/0e89r6OWtWw
        Sind wohl doch erwähnenswerte Fakten!

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