Kranke Subjekte in der Leistungsgesellschaft?

Ein etwas älteres Essay aus meiner Schublade zur Frage, was es heutzutage bedeutet gesund zu leben.

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Gesundheit „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“[1]

Ich bin immer gerne zur Schule gegangen. In der Schule, das wusste ich, treffe ich meine Freund_innen und werde Spaß haben. Dass die Schule eine Bildungsinstitution darstellt, war für mich stets schmückendes Beiwerk einer Einrichtung, die – subjektiv empfunden – in erster Linie Aufbau und Pflege sozialer Kontakte diente. Schon in der Grundschule war ich kein Freund von Hausaufgaben, wollte ich doch viel lieber altersgerechten Beschäftigungen nachgehen, wie z.B. Baumhäuser bauen. Diese Laissez-faire-Einstellung zog sich durch mein komplettes Schulleben. Am Ende stand ich ohne viel Zutun mit einem passablen Abitur da. Wahrscheinlich bin ich einer der letzten Heranwachsenden in Deutschland, der sich so durch seine Schulzeit bewegt hat. Der Fokus war stets auf das persönliche Glück gerichtet, dabei galt es so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu machen. Schule machte dann Spaß, wenn sie frei von Zwängen stattfand.

Eine solche Einstellung ist jungen Menschen heute nahezu unmöglich. Der demographische Wandel und die sich stetig verbessernden medizinischen Möglichkeiten lassen unsere Gesellschaft immer älter werden. Diese Begebenheit hat direkten Einfluss auf die quantitativ schrumpfende junge Generation. Damit ein angemessener Lebensstandard auch im Alter gewährleistet ist, hofft man auf konkurrenzfähigen Nachwuchs. Mit dem Ziel junge Menschen dem Arbeitsmarkt schneller zur Verfügung zu stellen wurde mit der G8-Reform – im Volksmund das „Turbo-Abi“ – die Gymnasialzeit um ein Jahr gekürzt. Was sind die Gründe für diese Reform? Wie kam es dazu? Was bedeutet die Reform im Speziellen und die Schule im Allgemeinen für die Kinder? Was ist das für eine Gesellschaft, auf die die Schüler_innen vorbereitet werden sollen?

Erste Vorstöße zu dieser Verkürzung kamen bereits in den 1990er Jahren aus den Reihen des Bundesfinanzministeriums. Ein_e Gymnasiast_in kostet pro Schuljahr 5.000 Euro, das Einsparpotential ist also enorm. Es geht aber nicht nur um Einsparungen, sondern auch um Mehrwert. Dieser Mehrwert entsteht durch die schnellere Verfügbarkeit am Arbeitsmarkt. In diesem Sinne ist mitunter auch die Aussetzung der Wehrzeit zu betrachten.

Die Lehrinhalte bleiben trotz der Schulzeitverkürzung erhalten. Die daraus resultierende Mehrbelastung bedeutet in erster Instanz den Verlust von Freizeit und damit einhergehend den Verlust von Freiheit. Infolgedessen kommt es zwangsläufig zu einem Anstieg der psychischen Belastung für die Schüler_innen. Immer mehr Kinder leiden unter Stress und daraus resultierenden Kopfschmerzen. Eltern wird erklärt, woran sie erkennen können, ob ihr Kind ein „Burn-out“ erleidet. Belastungen, die selbst bei Erwachsenen als unnötig erscheinen sollten, werden nun bereits Kindern systematisch antrainiert. Kinder, die die Belastung nicht aushalten, werden vom System aussortiert. Für sie bleibt eine zu geringerer Qualifikation führende, niedrigere Schulform und – daraus in der Regel folgend – schlechter bezahlte Arbeitsplätze. Wer das Abitur anstrebt, ist die komplette Schullaufbahn angehalten in einem ähnlich hohen Pensum zu arbeiten, wie erwachsene Angestellte. Auf natürliche Entwicklungsphasen, wie die Pubertät, in denen Heranwachsende dazu neigen mit den Gedanken bei anderen Dingen zu sein, als bei den schulischen Aufgabenbereichen, kann keine Rücksicht genommen werden. Reißerisch formuliert, könnte man sagen, die hässliche Fratze unserer Leistungsgesellschaft manifestiert sich in leeren Fußballplätzen und verstaubten Puppenhäuschen.

Die Schule dient in diesem Zusammenhang jedoch nicht nur der Vermittlung von Lehrinhalten, sie dient viel mehr noch der Vorbereitung auf das Leben in der Gesellschaft, auf die Teilhabe am Arbeitsmarkt. Die Schule ist institutionelle Disziplinierung zur Vorbereitung auf ein Leben in einer kapitalistischen Verwertungslogik, in der das Leben selbst und damit einhergehend die Gesundheit in den Hintergrund rücken, gar zu Mitteln zum Zweck verkommen.

Auf dem Altar des Gemeinnutzens wird die individuelle Freiheit der Kinder geopfert. Die Erwachsenen nehmen den heranwachsenden Menschen das Kostbarste in ihrem Leben: die Kindheit, in der das Kind einfach Kind sein kann. Wie gerne erinnern wir uns an unsere Kindheit, an das Herumtollen und die Leichtigkeit? Eine unbeschwerte Kindheit gilt als erstrebens- und beneidenswert. Elementarste Erfahrungen zur Persönlichkeitsbildung werden demnach auf ein Minimum reduziert.

Die Schulreform hat nicht nur für die jüngeren Schüler_innen verheerende Folgen, auch auf die älteren Semester wird nicht geringer Einfluss genommen. Durch Schwerpunktmodule in der gymnasialen Oberstufe werden die Schüler_innen gezwungen sich frühzeitig auf eine Richtung festzulegen. Hier werden nicht nur individuelle Fähigkeiten und Interessen durch die ‚Verschubladung’ vernachlässigt, sondern junge Menschen werden sprichwörtlich zu Rädchen im Getriebe ausgebildet. Die Verknappung der Freizeit hat natürlich weiterhin bestand, denn alles fokussiert sich auf die spätere Verwertbarkeit der Subjekte am Arbeitsmarkt, wo Freizeit auch Mangelware ist, gibt es doch in vielen Berufen dank E-Mail und Mobiltelefon nicht einmal einen tatsächlichen Feierabend. Die Arbeit ruht nie – genau daran werden die Heranwachsenden gewöhnt. Fähigkeiten wie eigenständiges Denken und Ereignisse wie das Sammeln von Erfahrungen oder das Machen von Fehlern verkommen zu störenden Elementen in einem – gemäß eines utilitaristischen Weltbilds – normativen Ausbildungsprozess. Die tragische Ironie dieser Marschroute ist, dass die oft als Schlüsselqualifikationen angeführten ‚Soft-Skills’ in der Schule nicht vermittelt werden. Am Arbeitsmarkt angekommen, bringen junge Arbeitnehmer_innen zwar breit gefächertes Allgemeinwissen mit, doch Eigenständigkeit und Ideenreichtum sind oftmals Mangelware. In der Angst ein globales Wettrennen zu verlieren bilden wir unseren Nachwuchs zu unfertigen Menschen und geistig-sozial verkümmerten Ausführungsorganen aus. Sie wissen zwar viel, doch der Geist sollte eben aus mehr bestehen, als bloßem Wissen. Allein daher könnte großen Teilen der Gesellschaft gemäß oben genannter Definition der WHO bereits mangelnde Gesundheit attestiert werden.

Die Schule und der schulische Ausbildungsprozess stellen sich dementsprechend als Versatzstücke in einem gesellschaftlichen System dar, das den Menschen in den Hintergrund rückt. Menschliche Gesundheit, menschliches Wohlergehen werden dafür als elementare Grundvoraussetzungen zur Leistungserbringung angesehen. Die Fähigkeit krank zu werden ist im Zuge dessen ein Störfaktor. Mittels medikamentöser oder psychotherapeutischer Behandlung soll die Leistungsfähigkeit möglichst wiederhergestellt werden, nicht um des Menschen, sondern um der Produktivität willen. Gesund zu sein, scheint heute in der Regel nicht mehr oder weniger zu bedeuten, als leistungsfähig zu sein und dem Arbeitsmarkt zur Verwertung zu Verfügung zu stehen.

Viele Krankheiten werden, durch die Belastungen von Schule, Universität und Arbeitsmarkt, unter dem vermeintlichen Sachzwang der internationalen Konkurrenzfähigkeit erzeugt. Die Behandlung dieser Krankheiten greift dementsprechend nur auf die Symptome, nie aber auf die im System begründeten Ursachen zurück. Die Schule stellt in dieser Logik die erste Stufe systematisch-institutioneller Krankheitsbildung dar.

Die Fragen, die wir uns stellen müssen, lauten: „Mit welchem Recht nehmen wir unseren Kindern das, was für uns selbstverständlich war?“, „Mit welchem Recht zwingen wir unseren Kindern unsere völlig perfide Lebensweise auf?“, „Wollen wir uns und unseren Kindern diese Lebensweise wirklich noch länger antun?“ und „Wann hören wir auf mit der Raserei und entschleunigen unseren Alltag?“

Inspiration zu diesem Essay war die Lektüre eines Artikels bei Zeit Online unter dem Titel „Liebe Marie,“. Der Autor Henning Sußebach schreibt diesen Artikel als Brief an seine 10-Jährige Tochter, die von der G8-Reform betroffen ist.


[1] Weltgesundheitsorganisation (WHO): Verfassung der Weltgesundheitsorganisation vom 22. Juli 1946, unter: http://www.admin.ch/ch/d/sr/0_810_1/index.html (zuletzt abgerufen am 12.01.2012)

Literatur

Sußebach, Henning: „Liebe Marie,“, Zeit Online, 30.05.2011 unter: http://www.zeit.de/2011/22/DOS-­G8/komplettansicht (zuletzt abgerufen am: 13.01.2012)

Weltgesundheitsorganisation (WHO): Verfassung der Weltgesundheitsorganisation vom 22. Juli 1946, unter: http://www.admin.ch/ch/d/sr/0_810_1/index.html (zuletzt abgerufen am 12.01.2012)

Wider dem weißen Wursthaar-Wahn

Soziale Freiräume sind zu verteidigen. Eine Wahrheit, die in links-progressiven Kreisen hochgehalten wird und der auch ich geneigt bin zuzustimmen. (S)Eine Nische gegen die vereinnahmende Dynamik eines Systems zu verteidigen, sie, entgegen aller innerer und äußerer Widersprüche, mit Leben zu füllen, ist die Essenz beinahe jeden subkulturellen Kontextes.

Am Wochenende bin ich in einen, von der Räumung akut bedrohten, sozialen Freiraum geraten, der mein Fall so gar nicht war. Seiner Verteidigungswürdigkeit freilich steht meine persönliche Abneigung, der den Raum nutzende Menschen gegenüber, in erster Instanz nicht im Wege. Inmitten der Dämpfe esoterischer Öle herumhängende pseudointellektuelle Menschen, die ihren ganz eigenen, auf seine Weise bornierten, Freiheitsbegriff leben, haben natürlich irgendwo ihre Berechtigung. Wer wäre ich, ihre Lebenswelt angreifen zu wollen, nur weil ich sie für mich(!) verurteile?

Die dort gemachten Erfahrungen bringen mich jedoch auf ein Thema zu sprechen, von dem ich beinahe schon gehofft hatte, der Aktualitätsbezug habe seit den Tagen meiner politischen Frühsozialisation abgenommen, leider jedoch ohne, in geradezu törichter Weise, die Regel sich wiederholender Moden zu bedenken: Wursthaare.

Es geht eigentlich weniger um die Haare als solche, deren Beurteilung schließlich ästhetischen Erwägungen zugrunde liegt und als solche kaum fundiert zu kritisieren ist. Es könnte noch angefügt werden, dass die wenigsten weißen Menschen auch nur den Hauch einer Ahnung haben, wie diese Haare zu pflegen sind und sie – das könnte schon beinahe als positiv interpretiert werden – dadurch vielen Mikroorganismen einen Lebensraum bieten.

Es geht um den Habitus weißer Menschen mit Dreadlocks bzw. überhaupt Dreadlocks auf den Köpfen weißer Menschen. Irrelevant ist dabei, ob sich die Menschen selbst als aktiv antirassistisch wahrnehmen, oder die Frisur schlicht schön finden. Bei ersteren wirkt es selbstverständlich noch perfider, dass nämlich das Imitieren von Schwarzsein ein rassistisches Moment innehat.

„Man wird nicht weniger weiß, wenn man aus einer sozial benachteiligten Familie kommt. Man ist auch nicht weniger weiß, wenn man versucht, sich Dreads wachsen zu lassen, oder Schwarze imitiert. Du meinst es ja gar nicht böse, verhälst Dich aber leider wie ein ‚guter Kolonisator’: Du bedienst Dich Schwarzer Symbole, sogar der Befreiungssymbole, eignest sie Dir an, spielst mit ihnen und bekommst dafür von den anderen Weißen Aufmerksamkeit und/oder Bewunderung für Deinen ‚Mut’ und Deine Extravaganz. Die Schwarzen Symbole werden dadurch lächerlich gemacht, weil sie durch Weiße umgedeutet und besetzt werden.“
(Sow, Noah: Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus S. 251. 2008: München, C. Bertelsmann.)

Ergänzung:
Nun könnte dem natürlich entgegen gehalten werden, das sei ja so weder zu pauschalisieren, noch in der Regel wohl gar so gewollt. Ich wage jedoch stark zu bezweifeln, dass Rassismus einer bewussten Intention bedarf. Dann wäre ja vieles, was unter Alltagsrassismus fällt, gar kein Rassismus, dann zählte ja eine Aussage wie „Das war doch gar nicht böse gemeint“ als Entschuldigung diesbezüglich. Nein einer bewussten Intention bedarf es nicht.

Es muss ja nicht einmal so sein, dass Dreadlocks oder verfilzte Haare ein Phänomen sind, dass nur bei PoC auftauchte, nein von mir aus könnte Thor höchst persönlich mit verfilzten Haaren herumgelaufen sein. Sie sind und/oder waren in anderen kulturellen Zusammenhängen eine bekannte Erscheinung. In unserem europäischen Kontext der letzten paar hundert Jahre, spielten sie aber nun wahrlich keine Rolle. Nun geht es mir mitnichten darum, irgendeine kulturelle Reinheit zu predigen und letztlich geht es wohl nicht mal um die Haare für sich genommen. Jedoch ist anzumerken, dass im Rahmen einer rassistischen Gesellschaft das Besetzen Schwarzer Kultur, sei diese faktisch gegeben oder lediglich gefühlt, den Rassismus dieser Gesellschaft reproduziert. Wenn sich ein Zirkel rein weißer Mittelstandskids mit verfilzten Haaren in seiner vermeintlichen Extravaganz suhlt, das ganze angereichert mit Batiktüchern, Om-Zeichen und Duftkerzen und hier und da noch ein wenig eingebautem „Rastafari-Kult“, dann hat das wenig mit in irgend einer Weise aufgeklärter Weltoffenheit zu tun, sondern ist Ausdruck weißer Dominanzkultur. Das mögen diese Leute dann so nicht geplant oder beabsichtigt haben, das ändert jedoch nichts an den Tatsachen.

Die ewig Gestrigen

Es hat sich einiges zugetragen in den letzten Tagen und einiges dessen kurz zu kommentieren bietet sich an.

Der Club der tötenden Dichter

„Die Sicherheit Israels zu schützen, ist Teil der Staatsraison Deutschlands“ (Merkel, Angela – anlässlich des 70. Jahrestags der Pogromnacht)

Eine Einschätzung der Bundeskanzlerin, an der es weniger als nichts zu rütteln gibt. Aus der Erbschuld der Deutschen erwächst die Pflicht den Staat Israel zu schützen. Diese Pflicht, diese Schuld lastet, so lange es einen deutschen Staat gibt, solange sich Menschen als ein deutsches Volk verstehen, auf eben jenen. Günter Grass trägt nicht nur Erbschuld, er trägt direkte Schuld an den Verbrechen an Millionen Menschen. Nur erträgt er sie nicht und er tat es nie. All seine Auslassungen über die angeblich 6 Millionen liquidierten Deutschen in Kriegsgefangenschaft genau wie all die vergeudeten Verse seines jüngsten „Gedichtes“, also jene Weltkriegsprosa auf Sekundarstufenniveau, welche es gestern global in diverse große Tageszeitungen schaffte, sind nicht weniger als plumpe Opfer-Täter-Umkehr im ganz großen Maßstab. Günter Grass ist der Paradedeutsche, der meint, nach 70 Jahren müsse doch mal Schluss sein; dass das weder möglich noch wünschenswert ist, steht weiter oben.

Kritik ist im Allgemeinen kein Privileg derer, die weiße Westen tragen. Nein in meinen Augen dürfen auch Menschen mit deutscher „Herkunft“, wie Grass es so unschön verklausulierte, Kritik üben und das auch an israelischer Politik. Nur sollten all jene auf der Hut sein, die tief verwurzelte Ressentiments in sich tragen, denn schnell wird aus Kritik ein polemischer Auswurf und aus Polemik ein Spiegel der eigenen Ängste und Vorurteile. So sind Grass Auswürfe keine Kritik an Positionen, keine inhaltliche Debatte, sondern eine Abrechnung mit der eigenen Schuld, von der er sich so gerne lossagen würde, da er sie nicht ertragen kann. Es ist sekundärer Antisemitismus in Reinform. Günter Grass wird den Juden Auschwitz nie verzeihen. „Trag es, du Natter!“ möchte man dem alten Mann entgegenschmettern, doch der fabuliert nun von gleichgeschalteter Presse, die ihn mit Nazimethoden missversteht und eine Kampagne gegen ihn fährt. Das macht er aber nach wie vor am besten selbst.

Lesenswerte Worte fand auch der Gesandte Emmanuel Nahshon:

Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.

Links zum Thema:
Israelische Botschaft: Der Gesandte zu Günter Grass; Netanyahu zu Grass
Publikative.org – Neues von der Waffen-SS; Beim Schälen der Kartoffel; Grass – der Sarrazin für Israelkritiker
FAZ: Was Grass uns sagen will; Grass sieht „Gleichschaltung der Meinung“; „Anständige Leute sollten die Aussagen verurteilen“
Tagesspiegel: Günter Grass – ein Kreis schließt sich; Ach Grass„Auch Deutsche unter den Opfern“
Welt: Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter
AfterChangesWeAreMoreOrLessTheSame:  „…und es muß gesagt werden“

An dieser Stelle sei auf eine Veranstaltungsreihe in der Roten Flora hingewiesen:

The Voices of Germany – Zur Kritik des Antisemitismus von Links

Hass aus liberalem Hause?

Der FDP können nun tatsächlich viele Vorwürfe gemacht werden und auch ihr Freiheitsbegriff ist nicht gerade Deckungsgleich mit meinem, nur offene Hetze gehörte vom geistigen Bodennebels Jürgen Möllemanns einmal abgesehen, eher weniger zum Repertoire der Freiheitlichen. Nun aber trat Cornelia Drechsler aus der sächsischen Einöde auf die große Bühne des Internet. In ihrem überschwänglichen Mitteilungsbedürfnis hat die Kommunalpolitikerin ihrem Hass mittels eines Schreibens an Grünen-Politiker Volker Beck Luft gemacht und dem bekennenden (schlimm genug, dass man sich dazu bekennen muss/soll, anstatt es einfach sein zu können) Homosexuellen mal gesagt was sie von seinem vermeintlich widernatürlichen Lifestyle hält. Das ganze geschwängert mit „Überfremdungsangst“ und sonstigen Ressentiments.

Doof, dass sowas in diesen Zeiten schnell in dieses verflixte Internet gelangt, so dass sich Frau Drechsler an die Wand gestellt fühlt und sich auf die freie Meinungsäußerung beruft.

Im Gespräch mit dem Berliner „Tagesspiegel“ äußerte sich die Stadträtin erstaunt darüber, „wie sehr sich Herr Beck durch eine harmlose Email bedroht fühlt und zur Hexenjagd bläst“.

Erstaunlich, wie sehr sich Frau Drechsler durch eine harmlose Berichterstattung bedroht fühlt und sich als Opfer einer Kampagne zu inszenieren sucht.

Zumindest die FDP weiß nun von zwei Leuten, die zwar als FDP-Fraktion antreten ohne Parteimitglieder zu sein. Bei der nächsten Wahl können Herr Schulze und Frau Drechsler ja für die Partei von Herrn Drechsler antreten: die NPD.

Auch hier bietet sich wieder ein Veranstaltungshinweis an:

Nazis sollen Nazimorde aufklären

Die rechtsextreme Partei kommt im sächsischen Landtag auf acht Abgeordnete. Somit haben für die drei NPD-Abgeordneten zehn bzw. 14 Abgeordnete der demokratischen Fraktionen gestimmt. Mehr als ein Dutzend Abgeordnete wünscht sich die NPD in einem Ausschuss, der sich der Aufklärung der NSU-Morde widmet.

Na klar, wer kennt sich sonst so gut auf diesem Gebiet aus…

Veranstaltungshinweis in diesem Zusammenhang: DIY

Eine Gefahr für Leib und Leben

Seien Rostocker auf Sankt Pauli, beschließt das Verwaltungsgericht. Der Verein geht eine Instanz weiter, Beim Magischen FC Blog steht alles nötige – und es lohnt sich, sich durch den trockenen Text zu wühlen.

Veranstaltungstipp hierzu:

DEMO auf ST. PAULI
“BLAU WEISS ROT GEGEN POLIZEILICHES KARTENVERBOT”
WANN: 22. April 2012 (Spieltag St. Pauli vs. Hansa)
WIE: Mit WET-Zug ab HRO
Abfahrt: 7.07 Rostock Hbf
WER: ALLE!!!! MACHT MOBIL!!

Es fahren Alle im Hansa-Trikot! Jeder Hansafan ist dazu aufgerufen, sich an dieser friedlichen Demonstration zu beteiligen. Es geht um VIEL!! Sagt jedem Fan Bescheid!

Sonst noch was?!

Interessanter Artikel zur Datei Gewalttäter Sport in der ZEIT

Dienstag etwas mehr Geld einstecken! SAVE MTZ RIPO!!

Ostersonntag Antirepressiva Soliparty im Goldenen Salon!

 

 

Kein Friede mit Deutschland!

Der Polizist war verblüffend ehrlich: Bei der Kontrolle eines Bahnreisenden sei ein Kriterium auch die Hautfarbe einer Person, gab er zu. Habe er die Vermutung, jemand halte sich illegal auf, spreche er Leute an, die ihm als Ausländer erschienen.
[…]
Aus Gründen der Kapazität und Effizienz müssten sich die Beamten auf Stichprobenkontrollen beschränken. Deswegen dürften sie die Auswahl der Reisenden „auch nach dem äußeren Erscheinungsbild“ vornehmen. Dem Urteil zufolge greifen Beamte bei stichprobenartigen Kontrollen gegen illegale Einreisen auf ihre „einschlägige grenzpolizeiliche Erfahrung“ zurück. Hierdurch werde willkürliches Vorgehen ausgeschlossen.

Das Verwaltungsgericht Koblenz zementiert mit diesem Urteil die außerordentlich guten Bedingungen für institutionellen Rassismus bei der Polizei. Was ohnehin gängige Praxis ist, bekommt jetzt juristische Absolution. Aus pragmatischen Gründen mag Racial Profiling zur Durchsetzung einer menschenverachtender Abschiebepraxis sinnvoll erscheinen, nur ist eben die Grundlage dieses Pragmatismus blanker Rassismus. Diese Praxis geht Hand in Hand mit gesamtgesellschaftlichem Rassismus und bereitet letzten Endes den Nährboden für rassistisch motivierte Gewalttaten. Kein Friede mit Deutschland!

Edit: Publikative.org greift das Urteil auch auf und schreibt:

Es geht also gar nicht um Ausländer als solche oder um illegale Ausländer, sondern Ausländer, die aussehen wie die Polizei sich Armutsflüchtlinge vorstellt. Die rassistische Praxis soll die Festung Europa vor Armutsmigration aus Afrika und Asien schützen. Und wenn dieser Schutz bedeutet, dass Einheimische mit entsprechendem Aussehen diskriminiert werden, dann nehmen das Polizei, Politik und Justiz zumindest billigend in Kauf. Alltagsrassismus wird geduldet und gesetzlich erlaubt.

Danke für die klaren Worte.

Geschmacklos

In Chemnitz wächst der Widerstand gegen einen Laden mit dem Namen „Brevik“.
[…]
Der Name Brevik, der an den 77-fachen norwegischen Mörder Anders Breivik erinnere, sei „geschmacklos, schockierend und völlig unakzeptabel“, sagte die sächsische SPD-Landtagsabgeordnete und Initiatorin Hanka Kliese zur Begründung.

Nein das darf man in Deutschland nun wirklich nicht mehr sagen bzw. machen. Seinen Naziladen mit Naziklamotten für Nazis auch noch so ähnlich nennen wie den Naziattentäter aus Norwegen. Nur ein ganz kleines bisschen Anders. (sorry, der musste sein…)

Hier hat sich wirklich ein Problem aufgetan. Dass hier Nazis Kleidung im Stile der „Mode für die Mitte“ machen und nur versteckt zeigen, welche Ideologie hinter dem schnuckeligen Runen-Wikinger-Schick steht, scheint ja kein Problem zu sein. „Geschmacklos, schockierend und unakzeptabel“ sind lediglich Nazis, die zeigen, dass sie Nazis sind. Wie sähe das schließlich aus? Was sollte denn das Ausland von uns denken?

Zum Glück war die SPD in Geschmacksfragen noch nie wirklich kompetent. Meine Geschmacksempfehlung: Nazikleidung ist nicht schick, ruck-zuck ist die Fresse dick!

Anmerkung: Frau Kliese und einige andere finden offenbar nicht nur den Namen problematisch. Das weiß zu erfreuen…

 

 

Aufmarsch der Wutnerds

Zugegeben: die Anlehnung an den durchaus problematischen Begriff „Wutbürger“, der mitunter dazu geeignet ist verständlichen und breit getragenen Protest zu delegitimieren, ist nicht sonderlich nett, dafür aber um so treffender. Rund 1.000 Menschen gingen am Samstag in Hamburg auf die Straße um gegen das Antipiraterie-Abkommen „ACTA“ zu demonstrieren. Tatsächlich sind die Folgen von ACTA schwer abzuschätzen, sicher zu sein scheint zumindest, dass ein Inkrafttreten dieses Gesetzes nicht wünschenswert ist. Dennoch ist es etwas merkwürdig, zu sehen, dass sich offenbar ein ganzer Haufen Menschen mobilisieren lässt, wenn es um das heiß geliebte Internet geht. In München waren es ganze 16.000 Menschen die gegen ACTA demonstrierten.

Zumeist ist das eine recht sonderbare Konstellationen an Menschen, die bei solchen Themen zusammen kommen. Allen voran die Piratenpartei, die ja in sich schon politisch mehr als heterogen aufgestellt ist; dazu gesellten sich die Grünen und Jungliberale. Aus der Komposition von Thema und Publikum entspringt geradezu automatisch eine stark verkürzte Kritik an den herrschenden Verhältnissen – eine Gemeinsamkeit mit „Occupy“ – und leider muss dem möglichen Einwand, es sei doch erfreulich, dass Menschen überhaupt mal auf die Straße gehen, die mangelnde Kritikfähigkeit der „Empörten“ entgegengehalten werden. Die berechtigte Kritik an der Krakendarstellung wird beispielsweise gepflegt ignoriert um nur einen Fall zu nennen.

Ich habe mir den Spaß trotzdem mal mit der Kamera angesehen.

Endlich abgeschrieben

„Und Tschüss“, hab' ich gesagt!

Lange genug haben wir berechtigterweise an seinem Stuhl gesägt. Eine Unverschämtheit jagte die nächste und schlussendlich war es eine schreckliche Tragödie, die den  „Bezirksschreiber“ dazu bewegte, seinen Hut zu nehmen. Wer ständig damit beschäftigt ist, den imaginären Sheriff-Stern mit Populismus zu polieren, neigt wohl dazu, die wichtigen Aufgaben zu vernachlässigen. In jeder Hinsicht versagt. Wegtreten!

Wer nun kommt ist fraglich, nicht unwahrscheinlich ist jedoch, dass es Andy Grote wird. Als Freund/Vertrauter/whatever von Johannes Kahrs, der an der ganzen Schose, die Schreiber nun das Wasser über die Oberkante der Unterlippe steigen ließ, nicht gerade unbeteiligt war, stellte Grote eine Fortsetzung Schreibers Politik dar.

Aber wat willst machen? Schießen darfst nicht. Also abwarten, was passiert und nötigenfalls müssen wir wieder an ’nem Stuhl sägen. Immerhin sind wir in der Überzahl und das ist ja auch irgendwie beruhigend zu wissen.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“

Ein besonders ausführliches, dafür aber um so besseres Interview zur rassistischen Mordserie des „NSU“ mit dem Politologen Kien Nghi Ha gibt es auf Migazin.de nachzulesen. Hier kann nur mit allem Nachdruck darauf verwiesen werden, dass sich dieses Interview das Prädikat „besonders lesenswert“ absolut verdient.

Passend dazu haben jetzt mehrere politische Gruppen aus Hamburg eine Demonstration unter dem Motto „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ für den 28. Januar angemeldet. Das Blog ist zwar noch nicht fertig, der Aufruf ist aber schon da. Spread the Word!

Kleine Kostprobe aus dem Interview gefällig?

Johnny Van Hove: Wie erklären Sie sich das behördliche Versagen?
Kien Nghi Ha: In Deutschland hat die übermäßige Toleranz gegenüber rechtsextremer Politik und Gewalt nicht nur wiederkehrende Konjunkturphasen, sondern auch eine lange Tradition. Die oftmals wenig rühmliche Rolle staatstragender Organisationen und Regierungen im wilhelminischen Kolonialkaiserreich, in der Weimarer Republik, in der Nazi-Diktatur, aber auch im geteilten und wiedervereinten Deutschland deuten in ihrer kontinuierlichen Fortschreibung auf ein strukturelles Problemfeld hin. Ich denke, dass wir diese Frage nur dann sinnvoll diskutieren können, wenn wir die tagespolitische Ebene verlassen und uns mit den Strukturen der deutschen Gesellschaftsgeschichte auseinandersetzen.

Johnny Van Hove: Nur allzu gern. Welche strukturellen Elemente begünstigten Ihrer Meinung nach den braunen Terror?
Kien Nghi Ha: Besonders die Ideologie und Macht der nationalen Identitätsform gilt es meines Erachtens zu berücksichtigen. Wir können den subtilen oder offenen Ethnozentrismus der Institutionen nicht verstehen, wenn wir die Jahrhunderte des rassistischen Nationalismus, der europäischen Kolonialerfahrung und die Rassifizierung deutscher Identität aus der Analyse ausklammern. Denn diese historische Machtmatrix beeinflusst – willentlich oder unbewusst, wahrgenommen oder verdrängt – sowohl die politischen Horizonte der NSU, das jetzige Verhalten der Staatsapparate und ihrer Mitglieder, die medialen Reaktionen als auch unsere unterschiedliche politische Betroffenheit und Anteilnahme.

Johnny Van Hove: Wie hat die „Rassifizierung der deutschen Identität“ – wie Sie es eben nannten – genau den Weg für die NSU-Mordserie geebnet?
Kien Nghi Ha: Die Opfer der NSU wurden umgebracht, weil die Betroffenen nicht in das vorgegebene rassifizierte Identitätsbild der Nation hineinpassen. Die fixe Idee der Verteidigung der Nation und ihrer Identität vor dem rassistisch definierten Fremden hat sich dabei als ein wirksames ideologisches Fundament erwiesen, das die politische Mitte mit rechtsextremen und zu einem geringeren Ausmaß sogar mit linksnationalistischen Kräften verbindet. Durch den Ausschluss aus dem kollektiven Selbstbild und den demokratischen Institutionen werden bestimmte migrantische Gruppen als Ziel rassistischer Angriffe kulturell produziert und als politisch verhandelbares Diskriminierungsangebot konstituiert, um soziale Konflikte zu regulieren und die Widersprüche der nationalen Identität auf rassistisch marginalisierte Gruppen zu projizieren. Ein Effekt der Ausgrenzung zeigt sich unter anderem in der spezifischen politischen Blindheit der staatlichen Institutionen gegenüber rassistischen, islamophoben und antiziganistischen Bedrohungen und Erfahrungen. All das ist zweifellos ein komplexes und nicht nur auf Deutschland beschränktes Problem, obwohl ihre kulturellen und politischen Ausdrucksformen mit der Entfaltung des ihr innewohnenden Gewaltpotenzials durchaus länderspezifische Züge trägt.

Das „Post-Gender“ der Piraten in der Praxis

Ich habe die „Ehre“ ein Mitglied der Hamburger Piratenpartei zu kennen. Im Diskurs bedeutete er mir, die Piraten hätten Differenzen mit den Grünen, da diese ihnen Sexismus vorwürfen, was aber ja gar nicht stimme, seien die Piraten doch „Post-Gender“.

Dass diese Person das tatsächlich glaubt, zeugt von ausgeprägter Missachtung der Realitäten in unserer Gesellschaft. Während es in der Gesellschaft vor sexistischer Stereotype nicht gerade „mangelt“, macht sich unser Pirat davon frei und schreibt – ganz der Post-Gender-Aktivist – auf Facebook:

Besteht das Ende aus „Der König der Löwen 2“ wirklich darin, dass Simba zusätzlich zu seinen 30 Bitches NOCHMAL 30 Bitches dazubekommt? =D

Genau! Frauen sind Objekte, die Männer besitzen sollen – möglichst viele, versteht sich. Tolles Weltbild finde ich und beglückwünsche die Piraten zu ihrem umfassend  aufgeklärt-emanzipatorischen Ansatz.

White Charity – wer hilft da eigentlich wem?

Während vor dem Fenster vereinzelte Schneeflocken vorbeirieseln um auf dem noch zu warmen Boden umgehend zu schmelzen ist die Mönckebergstraße vermutlich gerade proppevoll mit weißer Mehrheitsgesellschaft auf der Jagd nach den letzten Weihnachtsgeschenken für ihre Liebsten. Während sie das tun, stapfen sie auf der Suche nach etwas Schmalzgebäck vorbei an Plakatwänden und Werbetafeln durch den eiskalten Wind.

Diese Wasserbauchkinder verderben mir den Appetit (KIZ – Rauher Wind)

Ein schöner Film zur Reproduktion rassistischer Stereotype durch Plakatkampagnen großer deutscher oder europäischer Hilfsorganisationen kann seit dieser Woche online betrachtet werden:


  (Der Film ist deutschsprachig – die englischsprachigen Passagen sind untertitelt. Mit einem Klick auf „CC“ im Videofenster zu aktivieren) White Charity – wer hilft da eigentlich wem? weiterlesen