Polizeiabsperrung

Anders aber nicht sicherer

Gestern traf sich der Ligaverband zu seiner Jahreshauptversammlung und gab dort 16 Anträgen zur Umsetzung der im als „Sicheres Stadionerlebnis“ bekannt gewordenen Papier benannten Punkte statt. Das Thema kochte dieser Tage nochmals hoch, nachdem der Protest der Fans zuvor für ein gut wahrnehmbares, durchgängiges Rauschen im Blätterwald gesorgt hatte. Dabei rückte vor allem der Druck der Politik in den Fokus – damit ist der Sachverhalt nichtmal im Ansatz ganzheitlich erörtert.  Wenn etwa Stefan Engert in zwei Blogposts beim Sicherheitspolitik-Blog seine Politologensicht auf den Diskurs zum Besten gibt liegt er nicht falsch, aber auch noch nicht richtig richtig:

„Das Dilemma der Clubs und des DFL ist, dass der Sprechakt im sogenannten ‚Schatten der Hierarchie‘ erfolgt ist und damit ein Lehrstück von Governance ist: Kommt es zu keiner (horizontalen) Selbstregulierung durch die DFL, die Clubs und Fanszene bis Jahresende (d.h. am 12 Dezember), wird der Staat selbst die Spielregeln definieren und (hierarchisch) außergewöhnliche Maßnahmen wie vermutlich die „Abschaffung der Stehplätze, personalisierte Tickets oder reduzierte Kartenkontingente“ sowie drastische Geldstrafen für die Vereine, Geisterspiele oder den Komplettausschluss der Gästefans durchsetzen, um die Sicherheit und Ordnung im öffentlichen Raum Stadion wiederherzustellen[…]“ (Stefan Engert)

Auf gut Deutsch bedeutet das, weil die Politik gesagt hat, es gibt ein Sicherheitsproblem, wird die faktische Existenz eines solchen unbedeutend und Vereinen und Verbänden bleibt keine Wahl, als sich durch sicherheitspolitische Eigeninitiative dem Klammergriff des Staates zu entziehen – anderenfalls ist die eigene Autonomie dahin. Den populistischen Druck der Innenminister zu benennen ist wichtig. Es darf hierbei auch nicht unter den Tischen fallen gelassen werden, dass Wahlkampfgetöse und Ablenken vom Versagen beim NSU-Komplex zum Schwenk aufs vermeintliche Sicherheitsproblem im Fußball motivieren. Dennoch wird diese Betrachtungsweise dem Thema nicht vollumfänglich gerecht.

Mit der „Schatten der Hierarchie“-These kann gewiss einiges erklärt werden, doch der Komplexität des Sachverhalts wird dieser Ansatz nicht gerecht. Es scheint angebrachter, dieses Muster in das vielschichtige Akteursnetzwerk einzuweben, aber den Blick eben zu erweitern. Welche Akteure sind also in dieser Debatte aus welchen Gründen wichtig und was sind ihre Partikularinteressen? Bereits erwähnt haben wir die Politik, die DFL, die Vereine und die Fanbasis. Dazu kommen DFB und Polizei(-gewerkschaften).

Von Seiten der Politik, allen voran der Innenminister, werden die Rufe nach mehr Sicherheit in den Stadien immer lauter. Dass sie dabei viel Populismus und wenig Empirie in die Arena werfen ist hinlänglich bekannt und belegt, das tut effektiv aber nur bedingt zur Sache, denn der Druck ist vorhanden und durchaus wirkmächtig. Zwar machen sie sich dadurch medial angreifbar, aber das sind sie ja ohnehin. Das Versagen beim NSU-Komplex, über den zwar nachwievor kritisch berichtet wird, veranlasste das öffnen einer Baustelle, die so nicht gegeben ist. Das erklärt mitunter auch, warum das Problem so groß sein soll, obwohl selbst die unbrauchbaren Zahlen der ZIS keinerlei Anlass zur Panik bieten. Dummerweise ist das leider völlig egal, weil sich der Großteil der dummdeutschen Bevölkerung gar nicht so intensiv mit den Themen auseinandersetzt. Deswegen reichen ein paar Pyrobilder und die Forderung nach mehr Sicherheit um ein riesiges Fass aufzumachen. Deswegen reichen ein bis zwei Entlassungen von Verfassungsschutzamtschefs und eine Rechtsextremismus-Verbunddatei um die empörten Massen zu befriedigen. Ich würde mich freuen hier Unrecht zu haben, der Eindruck drängt sich allerdings auf.

In ein ähnliches Horn blasen die Polizeigewerkschafts-Chefdemagoge Rainer Wendt und seine Geschwister im Geiste. Forderungen nach finanzieller Beteiligung an Polizeieinsätzen, zusätzlichen Befugnissen und immer abstrusere Bedrohungsszenarien zeichnen die wahrgenommene Arbeit der Polizeilobbyisten aus. Interessant diesbezüglich ist, dass die Polizeipraktiker da durchaus andere Ansichten vertreten. Von einem geschlossenen Akteur Polizei mit klaren Interessen kann also nicht die Rede sein. Trotzdem waren es nicht die differenzierten Stimmen aus der Polizei, die maßgeblich in die Debatte eingeflossen sind, sondern immer wieder dieser Populismus.

Wenn Rauball nun ernsthaft glaubt, die Debatte werde mit dem Implementieren des Konzepts ein Ende finden, dies gar von Innenministern und Polizei fordert, lässt er einiges außer Acht. Es wird stets irgendwo gewählt, weitere Skandale um den NSU sind nicht unwahrscheinlich und andere Probleme von denen es abzulenken gilt sind ohnehin stets zu erwarten. Der Fußball ist in Deutschland populär, wie nie zuvor und damit ein stets bewegendes gesellschaftliches Feld. Derart positioniert wird der Fußball stets auch als Plattform profilierungssüchtiger Politiker missbraucht, um einmal den Jargon der Populistenfraktion bezüglich Fanthemen aufzugreifen.

Foto: paupi.net

Jedoch sind nicht nur Ablenkung und Wahlkampf treibende Interessen für die Exekutive sich in die Sicherheitsdebatte beim Fußball einzumischen. Etwas vage ausgedrückt kann hier vom neoliberalen Geist unserer Zeit gesprochen werden, der sich im Sicherheitsdiskurs wiederfindet. Die kontextuale Einbettung diesbezüglich scheint zumindest nicht allzu weit hergeholt. Der Fußball eignet sich wie nichts anderes als sicherheitspolitisches Testfeld. Es kommt mit Sicherheit 😉 nicht von ungefähr, dass viele Methoden und Taktiken der Polizei zuerst im Rahmen von Fußballspielen getestet werden. Mit den Ultras steht der Polizei die größte in Jugendsubkultur in Deutschland zur Verfügung, die sich in ihrer nicht sonderlich autoritätshörigen Grundausrichtung nicht nur perfekt zur für Experimente eignet, sondern auch eine faktische Bedrohung darstellt. Wenngleich der Verweis auf den arabischen Frühling, besonders den Fall Ägypten, wo Ultras federführend an der Revolution beteiligt waren, nicht zum Vergleich taugt – der soziopolitische Kontext ist ja doch sehr verschieden. Gerade bei Vereinen, die nicht Sankt Pauli heißen, gibt es eben noch viel des sogenannten Prekariats in den Kurven. Bei Metalust und Subdiskurse wird dieser Gedankenstrang schön entfaltet. Wäre, nebenbei bemerkt, ein spannendes Thema für eine wissenschaftliche Annäherung.

Genau dieses Prekariat ist ja auch betroffen vom viel zitierten Stehplatzverbot. Die Erfolge für mehr Sicherheit sind, so es sie gibt, äußerst marginal. Der Einfluss auf die Stimmung und die Zuschauerstruktur ist da schon größer. Es kann daher nicht das Moment der Vertreibung außer Acht gelassen werden, spricht man über Vollversitzplatzung (die Jan Korte zufolge nicht von der Politik oktroyiert werden kann) und Preisspirale. Ein Bekenntnis genau dazu mag vielleicht noch kaum jemand aussprechen, aber in einem Land wo „sozial ist, was Arbeit schafft“ (egal wie bezahlt) und sich „Leistung wieder lohnen muss“ kann es ja eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, bis man sich den Besuch eines Fußballstadions eben verdienen muss.

Ebenso im Neoliberalismus verhaftet ist das Interesse der DFL am Sicherheitskonzept, denn es ist ja nun nicht so, dass einzig der Druck aus der Politik Triebfeder des Konzeptpapiers war. Im Papier bzw. den entsprechenden Anträgen geht es nicht selten um Kompetenzübertragung vom DFB an die DFL. Die DFL beansprucht für sich größere Autonomie, möchte sich selbst strukturell stärker aus dem DFB lösen. Das Sicherheitspapier hat nicht nur negative Auswirkungen auf die Fans, es ist ein Schritt zur institutionellen Trennung von Profifußball und Fußball. Es mag aus Sicht der DFL ihr größter Fehler gewesen sein, bei ihrer Gründung die Sportgerichtsbarkeit für ihre Ligen beim DFB belassen zu haben. Dieser Fehler ist mit dem nun verabschiedeten Papier ausgebügelt. Natürlich bedeutet das eventuell mehr Sicherheit für die Vereine was Strafen betrifft und eventuell findet die beinahe schon berühmte Willkür damit ein Ende. Willkür, wie beim DFB üblich, lässt sich schwerlich verkaufen, die DFL ist auf klare Regeln und Kompetenzen angewiesen um ihr Produkt bestmöglich vermarkten zu können. Mit dem Entzug von Fernsehgeldern steht der DFL eine Strafart zur Verfügung, die wohl noch härter ist, als alles vom DFB Bekannte. Ob sie diese Karte allerdings ziehen werden, oder das alles lediglich Argumentationsgeplänkel war, bleibt abzuwarten. Vor allem aber ist die DFL auf die volle Kontrolle über ihr Produkt angewiesen. Das anzustrebende Ideal der DFL dürften dabei US-amerikanische Sportligen sein.

Die Fernsehgelder sind ein für die Debatte um die Sicherheit in den Stadien nicht zu unterschätzender Gesichtspunkt. Die Kompetenzübertragung vom DFB an die DFL ist dabei nur als Versatzstück im Vermarktungskonzept der DFL zu begreifen. Wenn Engert über die Fans, ihre Funktion und letztlich auch ihre Interessen schreibt,

„Das sind einerseits die Kunden, d. h. die zahlende Anhängerschaft, die neben dem Spiel der eigenen Mannschaft dazu beiträgt, den Stadionbesuch mit ihren Gesängen und Anfeuerungen zu einem kleinen Erlebnis des Alltags zu machen.“

hat er damit nicht Unrecht. Nur offenbart sich ein hier analytischer Trugschluss, den wir Fußballfans vielleicht auch mit zu verschulden haben. Natürlich sind die Fans in den Stadien ein wichtiger Faktor, ein wichtiges Element im Fußball. Ihnen kommt ja, und das klingt hier auch an, eine Art Doppel- bis Dreifachfunktion zu. Einerseits sind sie zahlende Kundschaft der Vereine. Sie tragen das Geld in die Stadien. Außerdem sind sie oft auch Kunden der (Pay-)TV-Sender. Finanziell sind sie in dieser Funktion noch weit wichtiger für die Vereine, denn der Großteil ihrer Einnahmen kommt aus Fernsehgeldern, welche es wiederum nur gibt, wenn die Sender die entsprechende Kundschaft hat. Zu guter Letzt sind die Fans gewissermaßen auch Teil des Kapitalstocks der Vereine und Verbände, denn die von ihnen erzeugte Atmosphäre in den Stadien macht das Produkt Profifußball besser vermarktbar. Ein Gutteil der „Fernseh-Fans“ (Es gibt wohl eine nicht kleine Schnittmenge zwischen „Stadion-Fans“ und „Fernseh-Fans“) guckt den Fußball nicht zuletzt wegen der Atmosphäre. Damit sind die Fans Konsumenten eines Konsumguts, dessen Teil sie sind. Der reine Fokus auf den Stadionbetrieb greift daher zu kurz.

Die Bundesligen sind zum medialen Kassenschlager avanciert. Pay-TV-Sender sind bereit hohe Lizenzgebühren für die Übertragungsrechte zu entrichten und durch den hohen Kapitalfluss im Profifußball wird nicht nur der Sport qualitativ gefördert, der Sport verändert sich. Die Mechanismen der Vermarktung machen das Verschieben des Anstoßes teurer und den Spielabbruch schwerer zu verkraften. Der Spieltag in der zweiten Liga ist über 4 von 7, in der ersten über 3 von 7 Wochentagen verteilt. Hinzu kommen englische Wochen und weitere internationale und nationale Wettbewerbe. Es vergeht fast kein Tag, an dem es kein Fußball zu konsumieren gibt und entsprechend steigen die Anforderungen an ein standardisiertes Event, ein Spektakel. Die DFL versteht sich dabei als Dienstleister an ihrem größten Kunden, und das sind eben nicht die Fans im Stadion, sondern die Sender, die Übertragungsrechte kaufen. Dass das eine das andere bedingt wird dabei beinahe vergessen, aber nicht ganz. Daher kommen doch die Beteuerungen, die Fankultur in Deutschland sei sicher. Schönes Bekenntnis, danke für’s Geräusch, verstanden haben es die grauen Verbandsherren nicht, was es überhaupt mit Kultur auf sich hat. Wer aber nie in der Kurve stand, weder in der Sommerhitze noch bei Minusgraden, wer nie an Bahnhöfen von behelmten Hundertschaften mit Knüppel und Pfefferspray empfangen wurde und so weiter, der wird auch nicht verstehen, wie so eine Kultur funktioniert. Anders gesagt: wer es nicht fühlt, kann es nicht verstehen.

Es ist also durchaus im Interesse der DFL weiterhin Fans dabei zu haben nur sollen die gefälligst nicht ins Spektakel eingreifen können, zumindest nicht unkontrolliert. Der Ligaverband als Vermarkter des Sports sieht sich also in einer Zwickmühle. Sie wollen die Gewinnbringenden Fernsehsender, also letztlich deren Kunden einerseits, brauchen dafür aber die Fans andererseits, die sie unter Kontrolle haben müssen, damit die Vermarktung einwandfrei funktioniert. Die Fans in den Stadien sind der Dünger der Vermarktbarkeit und können gleichsam zu ihrer Blattlaus werden.

Was aber wollen die Fans? Man kann sich natürlich jeden Punkt des Sicherheitspapiers vornehmen und gucken, was Fans dazu gesagt haben. Dabei wird man zu dem Schluss kommen, Fans wollen Pyrotechnik, Stehplätze und eine menschenwürdige Behandlung. Das ist, von streitbaren Fragen bezüglich Pyro abgesehen, sicher richtig, nur ist damit nicht das genuine Interesse von Fußballfans zu erfassen. Durch die Komplexität des Themas und subjektiven Beweggründen der einzelnen Fans sind generalisierbare Aussagen über die heterogene Gruppe der Fans in den Stadien grundsätzlich nur schwerlich möglich. Ich halte es jedoch für den falschen Ansatz über die expliziten Punkte des Sicherheitspapiers zu kommen. Zu leicht drängt sich dann der Trugschluss auf, wird nichts davon umgesetzt, haben die Fans ihre Maximalforderung erreicht. Diese Perspektive blendet jedoch die Themen und Kämpfe der Vergangenheit vollständig aus. Der Fußball ist nicht mehr der selbe, wie er es noch in den 80ern und 90ern war. Viele Veränderungen waren positiv, andere negativ – so ist das nunmal, nur sollte im Diskurs eben bedacht werden, dass Fußballfans schon seit langem in regelmäßigen Abständen dicke Kröten zu schlucken hatten.

Trotz der Farce, die der Verweis auf die geschützte Fußball- und Fankultur seitens Ligaverbandschef Rauball ist, ist noch lange nichts verloren. Kultur wird nicht von Führungsetagen definiert, sondern ergibt sich im Zusammenspiel von Menschen. Die Macht eine Kultur zu formen kommt von unten. Jede Form der Repression führt am anderen Ende zur Produktion. Sie mögen Jugendkultur, Gewalt, Pyro, Randale, Wut, Freude und Extase durch Verbote zu kontrollieren versuchen, doch dieser Versuch ist zum scheitern verdammt.Mehr „Sicherheit“ in Deutschland, die wird es durch die Beschlüsse nicht geben. Weder in den Stadien, noch außerhalb. Das Ergebnis dieser Phantomdebatte ist nichts wert. Die Fußballkultur hat sich stets zwischen diversen Parametern entwickelt. Stadionverbote schließen nicht nur einzelne Personen vom Stadionbesuch aus, sie führen zu Zaunfahnen, Aufklebern, Gesängen, Märschen und einem verstärkten Zusammengehörigkeitsgefühl. Kultur zu unterdrücken, ist wie der Versuch einen Baum am Wachsen zu hindern. Die Richtung der Entwicklung mag sich verändern, doch das Wachstum wird nicht gestoppt.

„Die organisierten Fußballfans haben gezeigt, wie mächtig sie sind. Es war ihr Druck, der die ursprüngliche, schärfere Version des Sicherheitskonzepts scheitern ließ und zu einer Blamage für die DFL machte. Durch ihre durchaus öffentlichkeitswirksame Betriebsamkeit wurde auch in den Medien zunehmend differenzierter berichtet.“ (Christian Spiller)

Es ist falsch die Debatte um mehr Sicherheit in den Stadien nur von einer Seite zu betrachten. Die Konfliktlinien verlaufen kreuz und quer zwischen den verschiedenen Akteuren. Es ist mitnichten anzunehmen, ohne den Druck seitens der Politik, gäbe es keinen Grund mehr für das Papier. Es ist nicht nur der Populismus, Wahlkampfgeplänkel und eine ablenkende Phantomdebatte, was die Innenminister antreibt Forderungen nach mehr Sicherheit zu stellen, es ist auch der neoliberale Geist. Es ist nicht nur der gut gemeinte Versuch die Sportgerichtssprechung auf verbindliche, rechtsstaatliche Grundsätze zu stellen, sondern auch ein klares Vermarktungsinteresse der Deutschen Fußballliga. Das Sicherheitspapier und die anhängende Debatte gilt es von allen Seiten zu analysieren und die Kritik entsprechend in den Schnittstellen zu platzieren.

Die DFL gewinnt Autonomie gegenüber dem DFB mit der Annahme aller 16 Anträge zum Sicherheitspaket. Die Vereine unterliegen mit ihren Voten damit nicht nur dem Druck der Politik, sondern auch vermeintlichen Sachzwängen einer bis zum äußersten gedehnten Verwertungslogik. Dennoch dürfen sich die Fans auf die Schulter klopfen, sie waren es, die die Debatte versachlicht haben. Fankultur ist durch die gestrigen Beschlüsse nicht dem Untergang geweiht. Sollte es dennoch irgendwann zur forcierten Vertreibung kommen und Fankultur verschwindet aus den Stadien, es wird etwas anderes geben. Doch erstmal darf man sich hoffentlich auf viel Pyro freuen. Verbote sind Antrieb. Gerade für die Jugend.

Veröffentlicht von

Hugo Kaufmann

Geboren nahe einem Bauernhof in Norddeutschland wuchs Hugo in ländlicher Idylle auf. Von der Ruhe genervt zog er mit Anfang 20 in die weite Welt hinaus, getrieben von dem Ziel fortan an jeder etwas größeren Revolution teilzunehmen. Letztlich strandete er in Hamburg, wo der FC Sankt Pauli sein Revolutionsersatz wurde. Er glaubt weiter an das schöne Leben in der klassen- und herrschaftslosen Gesellschaft, weiß aber, mit Sankt Pauli wird das nicht erreicht. Es folgte die Flucht in digitale Welten, wo er das Lichterkarussell im alkoholisierten Überschwang “erfand”. Fehlende Ahnung wird seither mit exzessivem Fremdwortgebrauch zu kaschieren versucht. Halbwegs gebildete Menschen durchschauen das natürlich sofort. Motto: “Auch wenn alle meiner Meinung sind, können alle unrecht haben.”

  • Nagus

    Und es ist natürlich richtig schlau jetzt massiv zu zündeln! Nennt man dann wohl Wasser auf die Mühlen usw.
    Die Fangruppierungen haben es nicht geschafft die positive Stimmung zu nutzen. Man hätte Leute wie Brux, Hunke und dieser Feistes oder wie der heisst ins Boot holen müssen. Sich aber jetzt hinzustellen und wie ein kleines bockiges Kind noch mehr Pyro zünden wird dem ganzen nicht helfen.
    Schlussendlich bleibt nur die Möglichkeit eines konsequenten bundesweiten Boykottes von einer Halbzeit o.ä., denn das die Thematik dann Aufmerksamkeit erregt hat der Stimmungsboykott gezeigt.

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  • http://www.facebook.com/zeckenbande Würzburger Zeckenbande

    Sehr guter Text!! Nur die letzten drei Sätze sind echt sch……ße. Ich bin als Stadiongänger absolut gegen Pyro. Warum? Kann mir denn jemand ein wirklich vernünftiges Argument FÜR Pyro nennen?

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  • http://lichterkarussell.net Hugo Kaufmann

    Bezüglich Pyro:

    Natürlich gibt es bei Pyrotechnik (je nach Produkt) ein gewisses Maß an Verletzungsgefahr. Ich will keine unsinnigen Vergleiche aufmachen, bin aber der Meinung, dass es auch mit Pyrotechnik, wie mit anderen mitunter lebensgefährlichen Dingen, einen verantwortungsbewussten Umgang geben kann – auch in Fankurven.

    Die Gefahren steigen exorbitant durch das Verbot von Pyrotechnik. Dadurch muss es vermummt im Gedränge gezündet werden, wenn es denn gezündet wird. Umstehende werden somit einer eigentlich unnötigen Gefahr ausgesetzt. Gerade deshalb ist es ja so bedauerlich, dass einer Wiederaufnahme der Legalisierungsgespräche mit dem Sicherheitspaket eine klare Absage erteilt wurde.

    Klare Richtlinien im Umgang mit Pyrotechnik, wie etwa extra eingerichtete Zonen und Sicherheitsvorkehrungen wären in der Lage gewesen die Gefahren auf ein Minimum zu reduzieren. Diese Chance wurde vertan. Statt mehr Sicherheit beim Umgang mit Pyrotechnik wird es zu mehr bzw. gleichbleibenden Gefahren kommen, denn es ist doch illusorisch anzunehmen, Fans bekämen keine Bengalos etc. mehr ins Stadion.

    Von Seiten der Fans wird Pyrotechnik als genuiner Bestandteil ihrer Kultur wahrgenommen. Durch Verbote wird dieser Effekt eher verstärkt denn geschwächt. Der gangbare Kompromiss wäre eine bedingte Legalisierung gewesen. Es wurde ein anderer Weg gewählt. Brennende Kurven werden nicht verschwinden, da bin ich mir sicher.

    • Martin

      Von Seiten der Fans wird Pyrotechnik als genuiner Bestandteil ihrer Kultur wahrgenommen.

      Ist das tatsächlich so? In meinem nicht Ultra geprägten Umfeld ist das keineswegs so. Meiner Meinung nach ist der überwiegende Teil der Fans gegen Pyro.
      Einige empfinden es schlicht als gefährlich, zumindest aber als äußerst unangenehm minutenlang in dem beißenden Qualm zu stehen. Ein anderes Problem ist auch, dass nicht nur diejenigen die Repressalien erfahren die Pyro unterstützen sondern eben alle. Das die teilweise unwürdigen Durchsuchungen in den Stadien auf das schmuggeln von Pyro zurückzuführen ist wird ja unstreitig sein.

  • http://www.sicherheitspolitik-blog.de Philipp

    Ein sehr fundierter Beitrag, danke auch für die Auseinandersetzung mit dem post auf unserem Blog. Ich hänge mich auch an der Pyro-Frage auf, die ich insgesamt sehr schwierig finde (und auch keine leichte Antwort erwarte, nicht hier und auch sonst nicht). Aber ich verstehe wie mein Vorredner auch wirlich nicht so ganz, wieso diese Frage so identitätsstiftend sein muss, wie es der Fall zu sein scheint. Die Einordung der Ultras als Subkultur ist sicher eine gute Folie, vor der sich viele Dinge besser verstehen lassen. Aber dieser Schritt, zu sagen: „Wenn wir keine eigenen Zonen bekommen und weiter kriminalisiert werden, machen wir erst recht Pyro mitten im Block“, damit macht man es sich doch etwas zu einfach. Zumal wenn man dann wieder als ernsthafter Gesprächs- und Verhandlungspartner wahr- und ernstgenommen werden möchte, ist mir das, um in der Jugendkultur-Analogie zu bleiben, doch etwas zu pubertär-bockig…

    Dieser „verantortungsbewusste Umgang“, von dem du schreibst, ist das nämlich sicher nicht. Gerade wenn so viel Wert auf die Heterogenität „der Fans“ gelegt wird, gilt diese Heterogenität auch im Block, wo ich nicht gefragt werde, ob ich das cool finde, wenn 5m von mir entfernt jemand mit einer Fackel hantiert. Genau deshalb finde ich es als (Wald-)Stadiongänger so tragisch, dass diese Zonen-Idee beerdigt wurde durch die Verbände. Aber darum einfach trotzig weiterzumachen auf der „Klar, ist gefährlich, aber doch nicht, wenn ich das mache“-Masche, das ist mir bei aller Symphatie für Subkulturen doch etwas zu verantwortungslos…

  • http://lichterkarussell.net Hugo Kaufmann

    Philipp, Martin, ich antworte euch mal gemeinsam.

    Vorweg: Mir ist keine repräsentative Erhebung zur Einstellung zu Pyrotechnik bekannt. Dass eine Mehrheit der Fans in den Stadien Pyro ablehnend gegenüber steht mag ich noch für realistisch halten. Die Plakative 99% Marke halte ich gerade diesbezüglich für Augenwischerei.

    Auch noch vorweg: Ja das Thema ist schwierig und einfache Antworten verbieten sich im Prinzip. Es gibt hier für mich kein unbedingtes „Nein“ und kein unbedingtes „Ja“. Wie ein Prof von mir einst sagte: „Die Welt besteht glücklicherweise nicht aus Schwarz und Weiß, sondern vielmehr aus einer faszinierenden Palette von Grautönen“

    Mein rein subjektiver Eindruck bezüglich dieser Thematik ist, dass eine zunehmende Menge an „Nicht-Ultras“ in den Stadien einen differenzierten Umgang mit dem Thema Pyrotechnik wünschen und sich zumindest einen Einsatz unter Bedingungen vorstellen können.

    Eine differenzierte Debatte beeinhaltet auch qualitative Unterscheidung der einsetzbaren Materialien. Die Produkte unterscheiden sich im Brenn-, Rauch- und Tropfverhalten und natürlich in ihrer Art. Eine Pauschalaussage „Pyro ist gefährlich!“ wird diesen Unterschieden nicht gerecht.

    Ein nicht reglementierter (verbotener) Einsatz kann zumindest in gewissem Rahmen auch verantwortungsbewusst stattfinden. Von einem Menschen, der neben mir Pyrotechnik zündet erwarte ich nicht nur, dass er es in der Hand behält (wenn es eine Fackel ist), sondern vor allem auch, dass er mich und die anderen umstehenden ausreichend vorher über sein vorhaben informiert. Kann man sich darauf einstetllen sing die Verletzungsgefahr maßgeblich. Beispielhaft erlebt habe ich dies beim Abschiedsspiel von Marcel Eger und Florian Lechner (die sogar um Pyrotechnik gebeten haben) Hier ein entsprechendes Foto: http://usp.stpaulifans.de/copper/displayimage.php?album=189&pid=1936#top_display_media

    Natürlich gibt es verantwortungslosen Umgang damit und natürlich ist das gefährlich. Ich glaube aber, dass es auch diese, wie du Philipp sagst, Trotzreaktion geben wird. Und genau dann ist doch mit einer Haltung, dass das ja ohnehin verboten sei niemandem geholfen. Hier muss die viel zitierte Selbstregulierung greifen. Es liegt jetzt (ohne gesetzliche Legitimation, aber nach wie vor nur eine Ordnungswidrigkeit und keine Straftat) in den Kurven, was aus dem Thema gemacht wird.

    Der Weg des Dialogs wurde versucht und von der Gegenseite nicht angenommen bzw. abgebrochen. Soll Pyrotechnik noch eine Chance haben, müssen Fans ihren Einsatz bedacht und verantwortungsbewusst planen und durchführen. Nur das vorgelebte, positive Beispiel kann hier eventuell noch zu einem Meinungsumschwung führen und letztlich vielleicht etwas bewirken. Anderenfalls sind es wohl wirklich irgendwann die berühmten 99%…

    Martin, was die kollektiven Auswirkungen betrifft, tue ich mich immer etwas schwer damit, die „Delinquenten“ dafür verantwortlich zu halten, wo es doch letztlich in Händen der genau anderen (also Vereine, Polizei, usw.) liegt eben nicht die Mehrheit für eine Minderheit „büßen“ zu lassen. Da kann man anderer Meinung sein, ich bin da geprägt von einer eher libertären Denke 😉 Auch wenn der Rückschluss, weil oft Pyro reingeschmuggelt wird, folgen härtere Kontrollen für alle, logisch erscheinen mag, finde ich es schwierig das einfach so hinzunehmen. Es ist mit Sicherheit ein Faktor, aber ist das ausschlaggebend?

    Es ist und bleibt eine Endlosdiskussion, was Fluch und Segen ist, aber mit der Zeit stärker zu ersterem kippt.

    • http://www.sicherheitspolitik-blog.de Philipp

      Danke für die ausführliche Antwort. Tatsächlich bin ich selber nicht vertraut mit all den Pyro-Untergruppen, das ist sicher sinnvoll, das zu differenzieren. Mir hat aber auch noch nie jemand einen solchen Zettel in die Hand gedrückt, wie du ihn in der Bilderstrecke zeigst: Das sieht wirklich nach einem verantwortungsvollen Umgang aus, insofern sich dann wenigstens nur die Nutzer selber verbrennen, wenn es schiefgeht. Politisch halte ich Trotzreaktionen allerdings für völlig unangebracht und auch kontraproduktiv: Irgendwann muss ja jemand aus dieser sich selbst bestätigenden Spirale aussteigen, und die Innenminister werden das ganz sicher nicht sein :)

  • Stefan

    Lieber Hugo, liebes Lichterkarussell-Team,
    auch von mir noch mal ein recht herzliches Dankeschön für den interessanten Artikel oben und die fundierten Kommentare auf dem SiPo-Blog.

    Heute hat IM (IM = Innenminister, nicht informeller Mitarbeiter oder so) Friedrich der FAZ ein Interview gegeben: http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/innenminister-friedrich-fussball-nicht-mit-weiteren-drohungen-ueberziehen-11992766.html

    Zwei Zitate daraus erscheinen mir besonders bemerkenswert:
    1. „Wir wollen keine Konfrontation – nicht mit Verbänden, Fans oder der Bahn. Wir wollen gemeinsame Lösungen finden.“
    –> Das ist schön, kam aber ganz anders rüber in den letzten Wochen, Herr Friedrich.
    2. Frage FAZ: „Waren Sie eigentlich selbst mal in der Fankurve?“
    Anwort Friedrich: „Als Jugendlicher habe ich die Heimspiele von Bayern Hof in der Fankurve verbracht. Die Karte hat eine Mark gekostet. Etwas anderes konnte ich mir gar nicht leisten.“
    –> DM-Zeiten? Eine Mark Eintritt? Bayern….Hof? (NICHT München). Mann-oh-Mann, das war in den 1970er Jahren.

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